Michael Gisiger

Social Media in der Unternehmenskommunikation


Geposted von Michael Gisiger am 21.08.2009, 15:05

Communitys und Seiten mit starker Nutzerbeteiligung (wie zum Beispiel die Wikipedia) üben auf viele Menschen  eine grosse Faszination aus. Nicht nur die passive Nutzung solcher Angebote ist gross, sondern auch die Zahl derer, die sich aktiv an Social Media-Seiten beteiligen, nimmt stetig zu. Gründe dafür sind vor allem die einfache Nutzung und die Offenheit der Technologie, die dahinter steht. Soziale Medien vermitteln dem User das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein und Mitverantwortung zu tragen. Daher eignen sich soziale Medien besonders auch für die interne Kommunikation in Unternehmen. Das Einbinden der Mitarbeitenden in den Kommunikationsprozess hilft mit, den vielbeschworenen credibility gap - also die Differenz zwischen den beiden Selbstbildern „Wer sind wir?“ und „Wie wollen wir sein?“ - zu verkleinern.

Sind Sie Mitglied in einem privaten Social Network oder einer Plattform zum Austausch von digitalen Medien?

Solche Social Media-Anwendungen zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus (nach McAfee):
  • Sie basieren auf einer Plattform.
  • Sie werden gemeinschaftlich (kollektiv) bearbeitet, gepflegt und genutzt.
  • Sie sind komplementär zu den existierenden Strukturen sowohl organisatorischer wie auch technischer Art.
  • Sie sind konvergent (Konvergenz: das Zusammenstreben und Aufgehen verschiedener Teilbereiche zu einem Ganzen) und
  • sie sind emergent (Emergenz: das Erscheinen von Phänomenen auf der Makroebene eines Systems, die erst durch das Zusammenwirken der Systemelemente zustande kommen), d.h. sie sind sich selbst entwickelnd (dynamisch, navigierbar, erweiterungsfreundlich, nicht elitär und Workflow-frei).
Die klassische Organisationskommunikation (ich ziehe diesen Begriff dem der Unternehmenskommunikation vor, da alle Organisationen vor denselben Herausforderungen stehen wie kommerzielle Unternehmen) geschieht Top-Down. Der produktive Einsatz von Social Media-Technologien wie Wikis oder Blogs können hier zu einem Partizipationsschub führen, der mit der Top-Down-Kommunikation bricht und den Weg ebnet für einen kollaborativen Umgang. Dadurch wird die Teilhabe an der Organisation einfach(er), unmittelbar(er), offen(er) und somit auch für den Einzelnen „erlebbarer“. Die interne Anspruchsgruppe der Mitarbeitenden ist nicht mehr nur Empfänger der Nachricht, sondern zugleich auch Sender. Mittel- bis langfristig kann die Integration sozialer Medien ihren Teil dazu beitragen, die starren hierarchischen Strukturen aufzulösen und in eine Netzwerkorganisation zu überführen.

Welche Web 2.0 Angebote nutzen Sie mindestens einmal im Monat?

Wider den Workflow

Ökonomisch betrachtet sind vor allem jene Techniken interessant, die sich einfach und damit auch kostengünstig in die laufenden Prozesse und die bestehende Infrastruktur wie ein Intranet einbinden lassen. Sozale Medien sind nutzerzentriert und einfach in der Anwendung. Zudem lassen sie sich schnell und dynamisch an die Bedürfnisse der einzelnen Organisationen anpassen.

In der IT gibt es jedoch die Tendenz, über alles und jeden einen Workflow überstülpen zu wollen. Dies ist für Social Media fatal, denn der Versuch, solche Plattformen in eine künstliche Struktur zu pressen, ist zum Scheitern verurteilt (s. oben). Die Strukturen ergeben sich dort von selbst - durch Suchfunktionen, Links, Tags etc. Wird aber krampfhaft an künstlich geschaffenen Strukturen festgehalten, sind Projekte mit Social Media-Anwendungen mehrheitlich zum Scheitern verurteilt. Gründe für das Scheitern sind u.a.:

  • Damit eine neue Technik eine alte dauerhaft ersetzen kann, muss sie zehnmal besser (leichter bedienbar) sein.
  • Es wird zu häufig versucht, sozialen Medien fremde Strukturen aufzuzwingen.
  • Nur selten können die Vorteile den Aufwand aufwiegen (m.E. ein grosses Problem - gerade in der aktuellen Situation).
  • Die Anreize, mit denen die Mitarbeitenden zur aktiven Teilnahme bewogen werden können, fehlen oft.
  • Die Kultur der Unternehmen ist oftmals noch nicht bereit, solche Anwendungen zu akzeptieren.
2 Kommentare | Trackback Url

Kommentare
Saturday, 22 Aug 2009 11:08 by Christian Schenkel
Schöner Artikel, zu dem ich ein paar Fragen habe: 1). Weshalb gehen Personal- und Kommunikationsfachleute immer davon aus, dass die Mitarbeitenden in einem Unternehmen ein „Wir-Gefühl“ entwickeln sollten? Bei den meisten Mitarbeitenden ist das Unternehmen bloss Mittel zum Zweck. Sie wollen in einem Team, das gut harmoniert, ihr Geld verdienen. Darüber hinaus wollen sie sich aber nicht für das Unternehmen engagieren bzw. sich mit ihm identifizieren. Der Glaubwürdigkeitsgap kommt nach meinem Dafürhalten von den Managern grosser Unternehmen. Sie haben viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt. Sie müssen sich fragen, wie sie sich wieder in interne und externe Kommunikationsprozess einbinden können (Der Hinweis auf den «credibility gap» bei Wikipedia ist übrigens veraltet. Artikel wurde zum Löschen vorgeschlagen.) 2.) Wenn du nur von Organisationskommunikation sprichst. Dann implizierst du beispielsweise, dass die Unternehmenskommunikation und die politische Kommunikation genau gleich funktionieren. Ich glaube aber, dass Unternehmen handlungsorientierte Organisationen und politische Akteure verständigungsorientierte Organisationen sind. Das wirkt sich auf die Art und Weise der Kommunikation aus. Bei handlungsorientierten Organisationen steht die Vertrauensbildung und bei verständigungsorientierten Organisationen die Glaubwürdigkeitsbildung im Vordergrund. 3). Inzwischen fände ich es interessanter zu erklären, weshalb in der Wirtschaft der «Partizipationsschub» eben nicht stattgefunden hat. Das «Cluetrain-Manifest» ist inzwischen zehn Jahre alt. Weshalb fehlen Anreize für die Mitarbeitenden? Wie müssten diese Anreize aussehen? Was für eine Kultur bräuchte ein Unternehmen? Nochmals: ich vermute, dass das vielmehr ein Führungsangelegenheit, denn eine Frage der Kommunikation mit den Mitarbeitenden ist. Wie könnte also eine Führungskommunikation 2.0 aussehen?

Tuesday, 25 Aug 2009 02:40 by Michael Gisiger
Hallo Christian! Entschuldige die späte Antwort, aber ich war gestern nicht im Büro :) Also, ad 1): Genau, das "Wir"-Gefühl braucht es im Team und nicht zwingend im ganzen Unternehmen. So gesehen hast Du schon Recht, wenn Du schreibst, der Gap werde vom Management verursacht. Ein "Wir"-Gefühl stellt sich laut Dunbar/Gladwell in Gruppen bis max. 150 Personen ein. Das häufig beobachtete Phänomen, dass sich einzelne Organisationseinheiten fast bis aufs Blut bekämpfen, kommt daher. In diesem Punkt divergieren wir kaum. Ad 2): Der Unterschied, den Du zwischen politischen Organisationen und Unternehmen ziehst, gilt m.E. nur in der externen Kommunikation. Sobald es aber darum geht, nach Innen zu kommunizieren, dann stehen beide in der Tat vor denselben Problemen. Hindernisse wie Hierarchie und Worklflow sind bei Parteien zuweilen sogar stärker ausgeprägt. Und: die Online-Kommunikation der Schweizer Parteien dient derzeit wohl kaum der Glaubwürdigkeitsbildung ... Aber das nur am Rande! Ad 3): Als jemand, der sowohl in Grossunternehmen wie auch in KMU und bei NPO gearbeitet hat, kann ich feststellen, dass es durchaus Organisationen gibt, die den "Partizipationsschub" vollzogen haben oder daran sind, ihn zu vollziehen. Allerdings ist es wahrscheinlich so, dass je grösser eine Organisation ist, desto grösser wird der Widerstand. Den sehe ich in zwei Ursachen begründet: 1. in der oben angesprochene "Stammesbildung" und 2. tatsächlich auch in einem Generationenproblem. "Kultur 2.0" besteht in der losen, zuweilen organisationsübergreifenden Zusammenarbeit im (temporären) Team: orts- und zeitunabhängig. Dadurch werden nicht nur die Hierarchien flacher, sondern damit einhergehend auch die Führungskommunikation partizipativer.

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